Der Flettner-Rotor – eine gescheiterte Innovation?
Sonderausstellung in der Schifffahrtsausstellung des Deutschen Technikmuseums
2. Februar bis 1. August 2010
Als am 7. November 1924 in Kiel die BUCKAU als erstes Rotorschiff in See stach, erregte sie großes Aufsehen.
Ein solches Schiff hatte die Welt noch nicht gesehen: Es hatte zwei riesige „Litfaßsäulen“ an Deck, die sich lautlos drehten. Der Erfinder dieser neuen Technik war Anton Flettner (1885-1961), ausgebildeter Mathematiklehrer und technischer Autodidakt. Die zylinderförmigen Röhren wurden fortan nach ihm benannt.
Der Flettner-Rotor leitet den Wind ähnlich einem Segel seitlich ab und nutzt die entstehenden Kräfte für den Vortrieb des Schiffes. Anders als beim Segelschiff lässt er sich jedoch von einer Person alleine bedienen.
Trotz seiner erfolgreichen Erprobung auf einem weiteren Rotorschiff setzte sich der Flettner-Rotor in der Praxis nicht durch. In Zeiten erhöhten Umweltbewusstseins und steigender Treibstoffkosten gewinnt die Idee Flettners vom rotierenden Segelersatz jedoch wieder an Aktualität.
Über die Entwicklung und Geschichte des Flettner-Rotors und seine mögliche Renaissance im 21. Jahrhundert informiert ab dem 2. Februar 2010 eine Sonderausstellung in der Schifffahrtsausstellung des Deutschen Technikmuseums. Die Präsentation wurde von Arda Akkus, wissenschaftlicher Volontär im Fachgebiet Schifffahrt, konzipiert und umfasst auf rund 60 Quadratmetern Fotos, Dokumente, zeitgenössische Filmaufnahmen, ein Modell eines Rotorschiffs und einen Rotor-Katamaran von 2006.
Die Geschichte des Flettner-Rotors
Flettners Rotoren sollten Kosten sparen
Als Flettner seinen die Windkraft nutzenden Rotor 1923 zum Patent anmeldete, war in der Handelsschifffahrt mit der Entwicklung der Großsegelschiffe und Klipper der Höhepunkt des Segeleinsatzes bereits überschritten.
Dampfmaschine und Dieselmotor lösten das seit Jahrtausenden genutzte Segel zunehmend ab. Flettner sah im Rotor in erster Linie einen brennstoffsparenden Hilfsantrieb. Aber auch bei den Personalkosten ließ sich sparen, denn das kraft- und zeitintensive Setzen und Einholen der Segel durch Seeleute war nun nicht mehr nötig.
Von der Erfindung zur Realisierung
Die Grundlage für den Flettner-Rotor wurde schon 1851 in Berlin gelegt: Der Physiker Heinrich Gustav Magnus (1802-1870) wies in Experimenten erstmals eine bis dahin unbekannte Kraft nach, die immer dann entsteht, wenn eine Luftströmung auf einen rotierenden Körper trifft, den so genannten Magnus-Effekt.
Flettner entwickelte seine Rotor-Idee, nachdem er 1923 von den Forschungsergebnissen von Prof. Ludwig Prandtl (1875-1953), dem Leiter der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen, erfahren hatte. Die noch junge Wissenschaft der Aerodynamik lieferte Flettner die nötigen physikalischen Daten und stützte seine Argumentation hinsichtlich der Funktionsfähigkeit des Rotor-Antriebes. Dies überzeugte schließlich auch seine Geldgeber von der Germania-Werft in Kiel. 1924 wurde ein erstes Versuchsschiff, die BUCKAU, und zwei Jahre später ein weiteres, größeres Rotorschiff, die BARBARA, gebaut.
Die Ausstellung widmet sich anhand von Fotos, Dokumenten und eines zeitgenössischen Filmes der wechselhaften Geschichte beider Schiffe. Ein Funktionsmodell der BUCKAU im Maßstab 1:50 aus dem Jahr 2001 illustriert die Proportionen der Rotoren und bietet Gelegenheit, sich dem Thema aus dem Blickwinkel eines Modellbauers zu nähern.
Der Flettner-Rotor in der Krise
Beide Rotorschiffe bewiesen, dass der Rotorantrieb zuverlässig funktionierte. So wurde die BARBARA zwischen 1926 und 1929 für reguläre Handelsfahrten ins Mittelmeer eingesetzt. Trotzdem folgten keine weiteren Aufträge für Rotorschiffe, auch nicht aus den USA, wohin Flettner die BUCKAU 1926 zu Werbezwecken fahren ließ. Brennstoff war damals so preiswert, dass sich für die Reeder der Flettner-Rotor in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen eingesparten Mitteln und Investitionskosten nicht schnell genug rentierte. Der Versuch Flettners, die Sport- und Freizeitsegler für den Rotor zu begeistern, misslang ebenfalls.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 und des in Folge zurückgehenden Handels gab der Reeder die gecharterte BARBARA 1931 an ihren Eigner, die Reichsmarine, zurück, die das Schiff verkaufte. Der neue Besitzer nutzte es als reines Motorschiff, die drei Rotoren waren abgebaut. Die Geschichte der Rotorschiffe war somit vorerst beendet.
Flettner selbst wandte sich anderen Dingen zu und konstruierte unter anderem Hubschrauber und eine Fahrzeugbelüftung, die bis heute gebaut wird.
Zukunftsaussichten
Renaissance des Flettner-Rotors im 21. Jahrhundert?
Als 1973 der Ölpreis infolge der Ölkrise die Brennstoffkosten auch der Reeder in die Höhe trieb, suchte man nach treibstoffsparenden Techniken. In den 1980er Jahren kam man auf Flettners Idee zurück: Blohm&Voss plante den Einbau von Rotoren auf einem Tanker. Dieses Vorhaben wurde jedoch 1986, als der Ölpreis wieder sank, fallengelassen. Heute gewinnt das rotierende Segel wieder an Aktualität – einerseits besteht die Gefahr wieder steigender Ölpreise, andererseits werden regenerative Energien zunehmend genutzt. 2006 wurde ein Flettner-Katamaran an der Universität Flensburg gebaut, der in der Ausstellung zu sehen ist. Voraussichtlich noch im Laufe dieses Jahres wird das erste Rotor-Frachtschiff nach der BARBARA, das E-SHIP 1, in Ostfriesland fertig gestellt sein und seine Fahrt aufnehmen. Dieses Schiff könnte ein neues Kapitel in der Geschichte der Schifffahrt aufschlagen…

Der Flettner-Rotor - eine gescheiterte Innovation?

Rotorschiff BARBARA

Rotorschiff BARBARA auf Fahrt

Rotorschiff BUCKAU, 1924

Zeitungsmeldung ueber die Schottlandfahrt der BUCKAU, 1924

BADEN-BADEN, ehemals BUCKAU, 1926

BADEN-BADEN vor der Skyline von New York, ...
